An Lichtern haben wir keinen Mangel. Unsere Arbeitsstätten und Seelen sind bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet mit kalter Klarheit. Abends fliehen die einen hinter das Flimmern von Monitoren, andere in den Schein von Kerzenlicht und wieder andere dorthin, wo Leiber im Licht gleißender Scheinwerfer zucken. Aber irgendwann verglühen die Scheinwerfer, verlöschen die Kerzen, gehen (obwohl es keinen Programmschluss mehr gibt) die Mattscheiben aus. Wir haben Lichter, aber das Licht haben wir nicht. Es gibt keinen Schalter dafür. Denn einige Dinge können wir immer noch nicht anknipsen: Den inneren Frieden zum Beispiel, eine gelassene Freude am Dasein, die Gewissheit, dass sich auch der nächste Tag zu leben lohnt. Wir haben die Kunst des Selberleuchtens bis ins Äußerste getrieben. Die Leuchten des Fortschritts lassen auch den von uns verursachten Dreck dieser Erde greller denn je in die Augen springen. Es ist dunkler um uns geworden. Und kälter. An Weihnachten wird eine Botschaft verkündet, die man so übersetzen kann: Lass dir ein Licht schenken! Vergiss für einen Augenblick das mühselige Selberleuchtenwollen! Komm, wärm dich am fremden Licht! Lass es dir lieb werden! Mach es dir vertraut! Lass dich ergreifen! Das Licht Gottes knipst man nicht an. Man entdeckt es. Es ist wie die Entdeckung eines fremden Kontinents? Wie wenn man zum ersten Mal eine Schatztruhe öffnet? Es hat etwas von all dem. Aber es ist stiller, inniger. Etwa so, wie es der flämische Maler Gerrit van Honthorst gemalt hat: Maria nimmt das Tuch von dem Kind, und warmes, gutes Licht fällt auf die Gesichter der Umstehenden. Maria ist im wahrsten Sinn des Wortes die ,,Entdeckerin“ des Lichts. Auf sie fällt der größte Glanz von etwas, das Menschenaugen nicht fassen können: Gott wird einer von uns. Der Mensch gewordene Gott leuchtet ein. Das also ist die Wahrheit. Die Welt ist nicht verloren. Das Licht ist stärker als die Nacht. Wirklich Weihnachten feiern ist ein Abenteuer des Geistes und eine Entdeckungsreise der Seele. Es gilt, das Licht (= Gott) wiederzuent-decken, über den man schon die Leichentücher der Neuzeit gebreitet hat. Das Licht leuchtet noch. Unter einer Hülle, die vielleicht nur aus abgebrühter Selbstverliebtheit gewebt ist. Diese Hülle kann weg. Das Licht kann auch auf meinem Gesicht leuchten. Dass ich wieder lachen und singen kann. Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Pastor Uwe J. Steinmann Gerrit van Honthorst (1590–1656), Anbetung des Jesuskindes, Galleria degli Uffizi, Florenz; Foto: © bpk | Scala Liebe Gemeinde!